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Leseprobe

     

 

Das Kinderfest  

 

Generationen von Tatingerinnen und Tatingern erinnern sich noch gerne an die Schulfeste in ihrer Kindheit. Diese Feste mit Wettspielen im Hochdorfer Garten, Proklamation der Königspaare, Umzug mit Blumenbügeln durch das fahnengeschmückte Dorf und Nachmittagstafel an langen Tischen im Kirchspielskrug mit anschließendem Tanz gehörten jahrzehntelang zu den Höhepunkten im dörflichen Jahresablauf.

 

Die Ursprünge des Kinderfestes sind im 19. Jahrhundert zu finden.

 

 

Kinderfest 1950, Umzug, vor dem alten Haus Dorfstraße 8

 

 

Die Kindergilden im 19. Jahrhundert

 

 

Lehrer Lorenz Linnet Petersen schreibt 1886 in der Schulchronik:

 

„Herkömmlich werden hier jährl. 2 Kindervergnügen abgehalten: ein Vogelschießen etc. für die ärmeren Kinder u. ein Ringreiten für die reicheren. Letzteres hält 2 Tage an. Den 11 Aug. fand das Ringstechen statt in der Allee des Hochdorfer Gartens; darauf Traitement [Bewirtung] im Kirchspielskrug (u. früher auch Tanz der Kinder, ursprünglich fast die ganze Nacht, neben den Erwachsenen; in neuerer Zeit nur etwas bis 10). Am 2. Tage, diesmal den 13 Aug., findet ein Umzug durch die Gemeinde statt. Voran ein Knabe als Feldführer, dann die "Gildebrüder" zu Pferd u. die Mädchen zu Wagen.“

 

Auch Emma Ziese geb. Hamkens berichtet in ihren Lebenserinnerungen (1855-1925) über zwei Kindergilden. Das erste Kinderfest war das Kinderringreiten, das an zwei Tagen stattfand:

 

„ […] Gilde war zu schön. Am Dienstag wurden Blumen gesammelt auf den Höfen, die grossen Mädchen banden sie zu Kränzen, an den Saal, eine Ehrenpforte und eine Guirlante quer über die Strasse beim Gildehaus zu befestigen. Am Tag vorher hatte jedes Mädchen ihrem Gildeherrn einen (oft teuren) Kranz um die Mütze geschickt, Satteldecke und Zaumzeug mit buntem Glanzschirting geschmückt. Mittwoch war Ringreiten. Nachher dankte der alte König mit langem Vers und Herumführen des Pferdes ab. Nachher wurde noch getanzt. Um 9 Uhr ging Vater mit uns nach Haus. Donnerstag war Ausruhen und Freitag der Hauptgildetag. Mittags 1 Uhr versammelten sich die Jungs, die kleinen Mädchen in weissen verzierten Mullkleidern, Blumenkränzen im Haar, bunte Schärpen um die Taille geschlungen, fuhren Sonnenschirme in der Hand haltend je zwei höchstens drei in den besten Fuhrwerken. Jedesmal wenn eine am Wirtschaftshaus ankam, bliess die Musik. War alles versammelt, ritt der Feldführer voran, rechter und linker Aeltermann, der König in der Mitte, dann der alte König und die Reiter. Dann kam der Musikantenwagen, dann die vielen Wagen mit den kleinen Mädchen. Zunächst zum Hofe des Königs. Er selbst und seine Königin mit breiten, seidenen, über die Achsel gelegten Schärpen, standen vor der Haustür, alle Paare ordneten sich, wurden vom Königspaar gegrüsst, die Musik nahm auf der Hausdiele Platz. Die Gilde ging in den geschmückten Saal, wo an langen geschmückten Tafeln Kuchen die Menge, auch Obst standen. Glühwein aus Saft wurde gereicht, Reden gehalten und angestossen. Von hieraus ging es zur Königin, wo es ebenso war. Ehrenpforten waren auf beiden Höfen errichtet. Dann ging es nach dem Wirtshaus der Strasse zurück. Hier ordnete sich der Zug in derselben Reihenfolge, die Jungs aber zu Fuss, jeder seine Dame an der Hand haltend, die Strasse herunter […] Die Twiete herauf, beim Wirtshaus vorbei zum Pastorat. […] dann zum Wirtshaus zurück, wo nach einer Erfrischung der Tanz begann. Zunächst die Ehrentänze. […]“

 

Während die Ringreitergilde den Bauernkindern vorbehalten war, wurde für die Handwerker- und Arbeiterkinder an einem Sonntagnachmittag ein weiteres Gildefest veranstaltet:

 

„Bald nachher hatten die Kinder der kleinen Leute ihre Gilde. Nur einen Tag und sie mussten nach dem Ring „laufen“. Die Mädchen hatten bunte Kleider. Sie hiess Brummergilde, weil der Wirt vor Jahren so gehiessen. Diese Kinder sassen in der Schule mit uns auf denselben Bänken. Nie hörten wir aber Neid oder Missgunst von ihnen. Sie freuten sich ihrer Gilde ebenso.“

 

 

Wann in Tating erstmals auch eine Gilde für die Kinder der kleinen Leute veranstaltet wurde, ist nicht bekannt. Wenn Emma Ziese geb. Hamkens (geb. 1855) diese Kindergilde bereits selbst in ihrer Jugend erlebt hat, muss diese bereits in den 1860er Jahren bestanden haben oder spätestens Anfang der 1870er Jahre eingeführt worden sein. [...]

 

Das Rätsel um den Namen „Brummergilde“ konnte leider bisher nicht gelöst werden. Emma Ziese geb. Hamkens und Deert Hansen (1960) geben an, dass der erste Wirt, der dieses Fest veranstaltet hat, Brumm geheißen habe. Von 1851 bis 1867 war ein Gärtner Johann Brumm und 1868 bis 1871 dessen Witwe Elsabe Brumm geb. Meier Besitzer des Hauses Martendorf 12. Um 1869-1875 lebte deren Sohn Christian Brumm mit seiner Ehefrau in Tating. Beide waren aber nach bisherigen Erkenntnissen nicht als Wirte in Tating tätig.

 

Kinderfest, ca. Mitte der 1950er Jahre, Umzug, im Hintergrund die Kirchhofsmauer und das Schulhaus Dorfstraße 40

 

Von der Kindergilde zum Schulfest  

 

Ursprünglich wurden die beiden Kindergilden von den Tatinger Gastwirten veranstaltet, das Kinderringreiten vom Kirchspielskrüger und die andere Kindergilde abwechselnd von den Gastwirtschaften am östlichen und westlichen Dorfausgang.

 

1893 soll, nach Notizen von Deert Hansen (1960) durch Verordnung der Preußischen Regierung ein jährlich stattfindendes Schulfest eingerichtet worden sein, damit fiel die „Brummergilde“ weg. [...]

 

Der Gastwirt Peter Stahl in Tating richtete im August 1893 ein Kindervergnügen aus:

 

 

Freitag. den 4. August:

Kindervergnügen

 

im Lokale des Gastwirts P. Stahl,

sowie am Sonntag, den 6. August:

 

Großer Entreeball

 

Herren 1 M., Damen 50 Pf., Verheiratete à Person 25 Pf.

Es ladet freundlichst ein

 

                                        P. Stahl, Tating.

 Eiderstedter Nachrichten 03.08.1893

 

 

In Tating kam es infolge der neuen Regelungen zum Kinderfest zu Turbulenzen: Der damalige Pastor wollte in seiner Eigenschaft als Schulinspektor durchsetzen, dass auch das Kinderringreiten wegfallen sollte, damit – wie von der Regierung angeordnet – nur noch ein Kinderfest im Jahr stattfindet. Darauf regte sich jedoch heftiger Widerstand der Bauern und in einer außerordentlichen Generalversammlung der Tatinger Liedertafel, deren Mitglieder mehrheitlich Bauern waren, wurde am 18. Juni 1893 beschlossen, ein Sommervergnügen mit Kinderringreiten zu gestalten. Als Veranstaltung der Liedertafel war das Kinderringreiten nunmehr dem Einfluss des Pastors entzogen und fand fortan jedes Jahr an einem Mittwoch und Freitag in der zweiten Augusthälfte im Hochdorfer Garten statt.

 

 

 

Generalversammlung

 

der aktiven und passiven Mitglieder der

 

Tatinger Liedertafel

 

am Sonnabend, den 5. August d. J., abends 7 Uhr, im Vereinslokal.

Tagesordnung:

 

Besprechung über ein zu veranstaltendes Sommer­vergnügen verbunden mit einem

Kinderringreiten.

 

Um zahlreiches Erscheinen bittet der Vorstand.

Eiderstedter Nachrichten 03.08.1893

 

 

 

Sommervergnügen der

 

„Tatinger Liedertafel“

 

am 23. und 25. August, verbunden mit

 

– Kindergilde. –

 

Auswärtige können eingeführt werden.

 

                                        Das Komitee.

Eiderstedter Nachrichten 15.08.1893  

 

 

 

Danksagung.

 

Dem Herrn Jacob Richardsen-„Hochdorf“ für das ausserordentlich liebenswürdige zur Verfügung­stellen seines Parkes

unsern herzlichsten Dank.

 

                                          Das Fest-Komitee.

Eiderstedter Nachrichten 26.08.1893

 

 

Kinderfest 1951, im Kirchspielskrug, Begrüßung durch Hauptlehrer Simon